Brigitte Lühl-Wiese
Lonja und der Großvater
Texte und Steine
1. Auflage 2002, 112 Seiten, 32 farbige Abbildungen, Format 23,5 x 15,8
cm
ISBN 978-3-89896-115-8, Broschur, 15,90 Euro, 28,00 sFr
Best.-Nr.
115
»Einmal fand Lonja einen Stein.
Sie hob ihn auf und sah in seine schwarzen Augen.
Schief saßen sie in seinem schiefen Gesicht.
Da sagte der Stein: ›Ach, nun hast Du mich gefunden.
Ich war lange unterwegs zu Dir.
Mit dem Wasser, das mich schleift,
unter dem Eis, das mich kerbt,
mit dem Geröll, das mich verstört,
unter dem Regen, der mich zerbricht,
mit dem Wind, der mich zerlöchert,
unter der Sonne, die mich zerspaltet,
und unter den Flechten, die mich zudeckten, nachts,
wenn ich fror.
Ich war zerrissen von den Rändern des Eises,
glänzend vom Sand auf dem Meeresgrund,
grün war ich, vom Moos an den Ufern der Flüsse
und schön gemasert vom Sonnenschein.‹
Lonja hob den Stein aus dem Schatten ihrer Hände ins Licht. Da
sah sie die Narbe, die sein schiefes Gesicht zerteilte. Und
sie fand in seinen schwarzen Augen einen großen Schmerz.
›Warum bist Du so traurig, - jetzt, da
Du mich gefunden hast?‹
Lange wartete Lonja auf Antwort.
Dann flüsterte der Stein: ›Ach, ich bin schief, vernarbt und
traurig, weil ich mich verirrte auf dem Weg zu Dir.
Ich bin unter die Füße von Menschen geraten, die Steine
suchten für ihr Haus.
Ich taugte nicht als Eckstein, und nicht als Schwelle.
So haben sie mich verworfen.‹
Der Stein hatte langsam gesprochen.
Mühsam auch, weil die Narbe wie ein kranker Baum seine
Mundwinkel vernagelte.
Aber er war warm geworden in Lonjas Händen.
Und sie legte ihn an ihr Gesicht und sagte: ›Du bist schön.‹«