ATHENA Verlag - Rolf Duscha

Verlag für Literatur und Wissenschaft

ATHENA Verlagblock.gif (118 Byte)

 
ATHENA
Neuerscheinungen
Katalog
Pädagogik, Didaktik
Literatur, Literaturwissenschaft
Vergleichende Kulturwissenschaften
Kultur, Gesellschaft, Philosophie
Kunst, Kunstgeschichte
Altern + Gesellschaft
Psychiatrie, Psychologie
Uhr, Zeit, Mensch
Literaturen und Kulturen Afrikas
Literatur aus Litauen
Belletristik
Bestellen
Wir über uns
Kontakt
Aktionen, Veranstaltungen
info@athena-verlag.de

 

Brigitte Lühl-Wiese

Lonja und der Großvater

Texte und Steine

1. Auflage 2002, 112 Seiten, 32 farbige Abbildungen, Format 23,5 x 15,8 cm
ISBN 978-3-89896-115-8, Broschur, 15,90 Euro, 28,00 sFr

Best.-Nr. 115

»Einmal fand Lonja einen Stein.
Sie hob ihn auf und sah in seine schwarzen Augen.
Schief saßen sie in seinem schiefen Gesicht.
Da sagte der Stein: ›Ach, nun hast Du mich gefunden.
Ich war lange unterwegs zu Dir.
Mit dem Wasser, das mich schleift,
unter dem Eis, das mich kerbt,
mit dem Geröll, das mich verstört,
unter dem Regen, der mich zerbricht,
mit dem Wind, der mich zerlöchert,
unter der Sonne, die mich zerspaltet,
und unter den Flechten, die mich zudeckten, nachts,
wenn ich fror.
Ich war zerrissen von den Rändern des Eises,
glänzend vom Sand auf dem Meeresgrund,
grün war ich, vom Moos an den Ufern der Flüsse
und schön gemasert vom Sonnenschein.‹
Lonja hob den Stein aus dem Schatten ihrer Hände ins Licht. Da sah sie die Narbe, die sein schiefes Gesicht zerteilte. Und sie fand in seinen schwarzen Augen einen großen Schmerz.
›Warum bist Du so traurig, - jetzt, da Du mich gefunden hast?‹
Lange wartete Lonja auf Antwort.
Dann flüsterte der Stein: ›Ach, ich bin schief, vernarbt und traurig, weil ich mich verirrte auf dem Weg zu Dir.
Ich bin unter die Füße von Menschen geraten, die Steine suchten für ihr Haus.
Ich taugte nicht als Eckstein, und nicht als Schwelle.
So haben sie mich verworfen.‹
Der Stein hatte langsam gesprochen.
Mühsam auch, weil die Narbe wie ein kranker Baum seine Mundwinkel vernagelte.
Aber er war warm geworden in Lonjas Händen.
Und sie legte ihn an ihr Gesicht und sagte: ›Du bist schön.‹«

 

· Pädagogik Didaktik · Literatur Literaturwissenschaften · Vergleichende Kulturwissenschaften · Kultur Gesellschaft Philosophie · Kunst Kunstgeschichte · Altern+Gesellschaft · Psychiatrie Psychologie · Literaturen und Kulturen Afrikas · Literatur aus Litauen · Belletristik
· ATHENA · Neuerscheinungen · Bestellen · Seitenanfang

Impressum · Widerrufsbelehrung · AGB · Datenschutzerklärung