ATHENA Verlag - Rolf Duscha

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Wilhelm Christoph Günther

Kindermährchen

aus mündlichen Erzählungen gesammelt

Herausgegeben von Thomas Eicher, Eva Laubrock und Tobias Moersen

Mit Illustrationen von Maike Hohmeier

1. Auflage 1999, 160 Seiten, 18 Abb., Format 21 x 13,8 cm
ISBN 978-3-932740-31-2, Hardcover-Einband, 15,90 Euro, 28,00 sFr

Best.-Nr. 31

»... König Romwald war sehr reich und hatte seine ganze Schatzkammer voll Gold und Edelsteine. Eins aber fehlte dem guten Könige doch zu seiner Glückseligkeit – die Gesundheit.

Er litt sehr an heftigen Gichtschmerzen und Podagra, und mußte schon zwey Jahre deswegen das Bette hüten.

Seine Gemahlin kam fast nicht von seinem Bette, und hätte gern einen Theil seiner Schmerzen auf sich genommen, wenn es möglich gewesen wäre. Auch seine beyden älteren Prinzen beklagten, so lange sie im Zimmer waren, herzlich die Krankheit ihres Vaters. Sobald sie aber heraus waren, fühlten sie wenig mehr davon. Sie ritten auf die Jagd, erlegten viel Hirsche, und oft sollen sie es ganz vergessen haben, daß ihr Vater krank sey ...«

Carl. Ich störe Sie wohl? ich sehe Sie schreiben.

Ernst. Das nicht: Sie sind mir willkommen. Vielmehr ist mir’s eben angenehm, in die wirkliche Welt zurückzukehren, da ich einige Zeit in der idealischen mich umhergetrieben habe.

Carl. Wie so?

Ernst. Ich schreibe eben Mährchen.

Carl. Sie! Mährchen? Sonderbar!

Ernst. Warum sonderbar? Ich liebe Mährchen, und ich glaube jeder Mensch liebt sie: denn daß Erzählung wunderbarer Begebenheiten, die durch die unsichtbare Hand höherer Wesen gewebt und geführet wurden, jedem Menschen gefallen, bedarf keines Beweises, weil die Erfahrung laut genug dafür spricht.

 

Märchensammlungen hat das 18. Jahrhundert, gerade in seinem letzten Drittel, eine Unzahl hervorgebracht. Wer sich heute daranmacht, diesen Berg nach Les- und Brauchbarem zu durchforsten, stößt immer wieder auf interessante Kuriositäten, versponnene Spuk- und Geistergeschichten, Schlüpfriges für Erwachsene und Lehrreiches zu pädagogischen Zwecken. Die »Entdeckung der Kindheit« nimmt in dieser Zeit erst ihren Anfang. Deshalb ist ein Fund wie die »Kindermährchen« des Weimarer Geistlichen Wilhelm Christoph Günther eine Besonderheit. Er ist einer der ersten, der Märchen ausdrücklich zur Unterhaltung für Kinder verfaßt.

Heute müßte man diese Texte freilich als nicht mehr kindgerecht bezeichnen. Aber Erwachsene, zumal die vielen Märchenliebhaber unter uns, werden ihren Gefallen daran finden. Die Märchen »Weiß-Täubchen«, »Der treue Fuchs«, »Das Vögelchen mit dem goldenen Ey« und »Die Königin Wilowitte« führen ihre Leser in phantastische Welten voller Riesen, Zauberschlösser, hochnäsiger Prinzessinnen, guter und böser Feen, einsamer Inseln und Helden, die am Ende immer erfolgreich ans Ziel kommen.

Kindermährchen
 

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