|
Brigitte Lühl-Wiese
Heinrich von Kleist
Eine Paradoxe
(Beiträge zur
Kulturwissenschaft, Bd. 13)
1. Auflage 2008, 108 Seiten,
Format 21 x 13,8 cm
ISBN 978-3-89896-337-4, Broschur, 16,50 Euro, 29,00 sFr
Best.-Nr. 337
Wer denkt an das Paradies, wenn er den Namen Heinrich von
Kleist hört?
Niemand – es sei denn, jener ›Niemand‹ begebe sich auf
Spurensuche.
Dann fände er in Kleists großem Aufsatz »Über das
Marionettentheater« das Paradies als die Heimat des
unschuldigen, in seinem ›Schwerpunkt‹ ruhenden Menschen,
voller ›Anmut‹ des Geistes und gesegnet mit der ›Grazie‹ des
Leibes.
Aus der Vollkommenheit des göttlichen Gartens und der seines
eigenen Selbst wird er durch den Ruf der Schlange, dem er
folgt, in den ›Sündenfall des Bewußtseins‹ getrieben und aus
dem Paradies verstoßen.
Fortan ist die Signatur seines Ich der Schmerz, die Qual des
Verlustes, die Disharmonie im Ungleichgewicht, die
Verzweiflung und die Schwermut, wurzelnd in der Erkenntnis
des selbstverschuldeten Abschieds von seiner ehemals
vollkommenen Gestalt.
Kleist entwirft – nicht für sich selbst, sondern an seiner
statt – in seinen dichterischen Figuren die Utopie einer
ringförmigen Welt, in welcher der solcherart schuldig
gewordene Mensch nach dem Durchgang durch das Unendliche,
und ›als letztes Kapitel von der Geschichte der Welt‹,
wieder anzukommen vermag vor der Hintertür des Paradieses.
In »Penthesilea« und in der »Marquise von O.«, die pars pro
toto in diesem Buch betrachtet werden, zeichnet der Dichter
den qualvollen Weg durch die Geschichte der Welt und des
eigenen Lebens – und zugleich die Kraft des Geistes,
Unschuld ›von neuem‹ zu erlangen, allerdings nicht die im
Paradies verspielte, sondern eine ›neue‹: eine durch die
Reife des Einverständnisses mit den Verwundungen der Welt
von neuem zur Blüte gebrachte Grazie, Anmut der Seele und
des Leibes, neu eingewurzelt im Schwerpunkt des Ich. Es fand
zu sich selbst in einer geradezu endlosen Reise zum eigenen
Zentrum als der ›Hintertür des Paradieses‹.
|
 |