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Lisson, Niklas Carlo

Niklas Carlo Lisson wurde 1993 in Berlin geboren und lebt derzeit in Brasilien. In seiner Arbeit mit dem Körper verbindet er Ansätze aus Achtsamkeit, Wahrnehmung und ganzheitlicher Praxis. Sein Schreiben umfasst Lyrik und literarische Prosa und ist geprägt von philosophischen und existenziellen Fragestellungen. Rückzugszeiten, etwa in klösterlicher Stille, bilden wichtige Impulse für seinen Schreibprozess. 2024 veröffentlichte er erste lyrische Texte in Anthologien sowie die Sammlung Halbloses Stückwerk. Weitere Informationen zum Autor finden Sie auf www.niklaslisson.de.

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Interview mit Niklas Carlo Lisson zu seinem Buch »Mitternachtsträume«

Soeben ist ihr Lyrikband »Mitternachtsträume« erschienen. In einem Satz: Was erwartet die Lesenden?

Niklas Carlo Lisson: Die Lesenden erwartet all die natürlichen, emotionalen und wahnsinnigen Untiefen, die sich irgendwann einmal in dem tiefen Abgrund meines Herzens befunden haben.

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Ihre Gedichte bewegen sich häufig zwischen Traum und Wirklichkeit. Was interessiert Sie an diesem Zwischenzustand – und was lässt sich dort sagen, was im Wachen vielleicht nicht möglich wäre?

N. C. L.: Im Wachzustand bin ich immer so vernünftig. Sobald der Uhrzeiger mehr in Richtung Finsternis zeigt, stellen sich mir andere Fragen und die Antworten scheinen aus einem anderen Reich meiner Psyche aufzusteigen, welches weniger oder zumindest anderen Filtern unterworfen zu sein scheint. Wenn das Wachsein traumartig wird, nur dann will ich überhaupt Gedichte schreiben. Dieser Zwischenzustand ist so schön, dass er naturgemäß flüchtig sein muss und nicht festgehalten werden kann. Daran erinnert jedes einzelne Gedicht. An die Echtheit von Augenblicken.

Sprache selbst wird in Ihren Texten zum Thema – ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen. Wo erleben Sie Sprache als unzureichend, und wo beginnt für Sie gerade dort die Poesie?

N. C. L.: Jeder Mensch hat einzigartige Seins- und Gefühlszustände, die sich ehrlicherweise niemals ausreichend beschreiben lassen. Im Alltag allerdings vergessen wir das oft und tun so, als sei diese Benennung glasklar. Gleichzeitig brauchen wir unsere Sprache ganz dringend, um uns selbst zu ordnen und zu sortieren und unserem Gegenüber etwas mitzuteilen. Poesie entsteht für mich dort, wo wir mit dieser Polarität der (Un)Klarheit zu spielen beginnen und mit Bedeutungen jonglieren, ohne die Bälle unkontrolliert fallen zu lassen. Aber manchmal fällt er eben doch kurz zu Boden, und dazwischen entsteht Poesie.

Der Titel Mitternachtsträume legt eine bestimmte Stimmung nahe. Was bedeutet für Sie die Mitternacht – eher ein Ort der Ruhe, der Unruhe oder der Erkenntnis?

N. C. L.: Dumpf ertönt der Klang der Mitternacht in meinen Ohren, wenn ich an diese späte Stunde denke. Unheil verbreitet sich. Lieber vorher schlafen gehen. Oder doch nicht? Meistens schlafen wir zu dieser Zeit. Unbetretenes Land. In der Ruhe unseres Schlafes sind wir ganz ausgeliefert. Häufig macht uns das aber gar nicht unruhig, wir müssen es nicht mal verdrängen, denn wir kriegen diesen Zeitraum ja kaum mit. Mancher Traum ist das einzige Überbleibsel. Vielleicht eines, das zu neuer Erkenntnis führen kann. Mitternachts wach sein, das bedeutet für mich, dass mich etwas bewegt. Warum nicht ein Gedicht?

Wenn Leserinnen und Leser Ihr Buch zuschlagen: Was soll idealerweise nachwirken?

N. C. L.: Die irgendwie schwere und paradoxe Schönheit zwischen Leben und Tod, die jeder einzelne Augenblick unwiederbringlich in sich birgt. Eine Klarheit, einen gewissen Glanz im Bewusstsein, den keine Philosophie der Welt mit Worten beschreiben kann. Eine spürbare Präsenz wie Donner auf der Haut.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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