Udi Levy wurde 1952 in Jerusalem geboren und ist dort zweisprachig Hebräisch-Deutsch aufgewachsen. Er studierte Sozial- und Heilpädagogik in der Schweiz. Levy ist Mitbegründer einer Gemeinschaft für Menschen mit Assistenzbedarf in Israel, Leiter einer entsprechenden Institution in der Schweiz, Buchautor, Übersetzer und Publizist. Er lebt in der Schweiz.
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Interview mit Udi Levy zu seinem Buch »Sprache ist mein Schutzraum«
Soeben ist der von Dir herausgegebene und übersetzte Gedichtband »Sprache ist mein Schutzraum« erschienen. In einem Satz: Was erwartet die Lesenden?
Udi Levy: Eher bin ich es, der voller Erwartung ist in Bezug auf die Reaktionen. Jede Leserin, jeder Leser hat seine Leseart, seine Seelenverfassung, seine, ihre Rezeption von Lyrik. Dennoch hoffe ich auf Einstimmigkeit über ein paar wenige Motive: In Israel leben auch Menschen, die das Leid des Anderen als ihr eigenes empfinden. Die hebräische Sprache ist lebendig, kraftvoll, aber auch sensibel und vulnerabel. Und: Spiritualität, welche Lyriker:innen oft zurecht zugesprochen wird, schimmert durch die Zeilen dieser Anthologie hindurch, sie ist universell, empathisch und nicht einseitig oder ethnozentrisch; und ich hoffe, dass diese Elemente wahrgenommen werden können. Und es erwartet die Leserschaft eine tragische, dennoch ermutigende Auseinandersetzung von Dichterinnen und Dichter mit einem kollektiven und persönlichen Trauma.
Komplettes Interview lesen Welche Rolle spielt Lyrik für Dich in Zeiten, in denen Sprache oft an ihre Grenzen kommt? U. L.: Die Gattung der Wortkünstler ist sehr divers. An den Grenzen der Sprachbarkeit kann die Seelenlandschaft transparenter werden, als dort, wo das Leben im gewohnten, routinierten Schritt, Tand, sich abspielt. An diesen Grenzen öffnen sich manche Menschen gegenüber der Welt der Intuitionen, aus der heraus versucht wird, Erfahrungen zu ›verworten‹, die wiederum dazu beitragen, ein verschärftes Bewusstsein der Gegenwart zu erlangen – einer Gegenwart, die maßlos überfordern kann. Wäre das nicht auch eine Rolle der Lyrik? Viele Debatten nach dem 7. Oktober sind von Fronten geprägt. Was kann Lyrik – anders als politische Rede – leisten, wenn es darum geht, den Anderen nicht zu verkennen, sondern wieder wahrzunehmen? U. L.: Lyrik kann es leider nur unter denjenigen Menschen leisten, die Lyrik wahrnehmen und verinnerlichen. Die Schnittmenge zwischen diesen und denen, die sich der politischen Rede widmen, ist meiner Erfahrung nach eher klein. Aber dort, wo Lyrik, insbesondere dieser Art geschrieben und gelesen wird, wird der Andere anders als woanders wahrgenommen. Die Wahrnehmung des Anderen –anders als mittels eines bestehenden Phantombilds dessen Wesens –, die Fähigkeit, den Anderen in seiner Andersartigkeit wahrzunehmen und zu akzeptieren, das ist eine inhärente Qualität der Lyrik. Dadurch lernt man nicht nur den Anderen, eventuell auch sich selbst besser kennen. Du schreibst, Deutsch und Hebräisch hätten eine völlig andere »innere Musik«. Wie würdest Du diese beiden Musiken beschreiben? U. L.: Musik wörtlich zu beschreiben, ist eine dichterische Herausforderung! Musik muss in erster Linie gehört werden. Ich bin dankbar, dass ich beide Musiken höre und kann die Antwort nur als Übersetzer, wenn auch metaphorisch, versuchen: Hebräisch wäre demnach aus den Steinsplittern entstanden, die der Meißel hervorbrachte, mit dem die Gebote in die Steintafeln geschlagen wurden. Deutsch tönt nach dem Rauschen des Waldes, der Blätter, vom säuselndem Wind, vom späten Reiten durch diesen Wald. Hebräisch greift bis zur alttestamentlichen Schöpfung zurück, jenes Testament, das vor 2500 Jahren kodifiziert wurde. Deutsch ist und war die Sprache der großen Komponisten und Philosophen. Gibt es ein Bild oder einen Satz aus dem Band, der für Dich über den Moment hinausweist – in Richtung Zukunft? U. L.: Meine Hoffnung ist, dass die gesamte Komposition dieser Sammlung es tut. Ich würde 25 der 26 Autor:innen Unrecht tun, wenn ich nur eine oder einen erwähnen würde. Doch glaube ich, dass der erschütterndste Satz jener von Shlomo Efrati ist, der israelische Bestatter im militärischen Reservedienst, der im Oktober 2023 vor der Leiche eines Hamas-Terroristen steht und sagt (S. 64): »Peinlich ist es mir, ich habe ihn bemitleidet. Nicht seines Todes wegen, sondern wegen des Lebens, das in ihm war. Wegen seiner Befähigung, das Gute zu wählen, wegen seiner Wahl des Bösen. Ich hielt seine Hand mit reinem Herzen. […] im Herzen betete ich zu G’tt – Erbarme dich seiner Taten«. Vielen Dank für das Gespräch. Interview einklappen
Und: Neben der Überflutung der Medien, der Empörung, Machtlosigkeit, Trauer und Traumatisierung, hatte die Beschäftigung mit dieser Lyrik auf mich, seit jenem 7. Oktober, eine erleichternde, heilende Wirkung. Auch das scheint ein Potential der Poesie zu sein.

