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Savoie-Bernard, Chloé

Chloé Savoie-Bernard ist Schriftstellerin und Übersetzerin und arbeitet als Literaturprofessorin an der Université du Québec à Montréal (Kanada). Zu ihren Veröffentlichungen zählen Des femmes savantes (Triptyque, 2016) und Sainte Chloé de l’amour (Hexagone, 2021) sowie Übersetzungen von Büchern von Myriam Chancy und Ntozake Shange.
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Interview mit Chloé Savoie-Bernard und Übersetzerin Andrea Krotthammer zu ihrem Buch »Du badest im Licht«

Soeben ist Ihr Buch »Du badest im Licht« (OT: Des femmes savantes) in der deutschen Übersetzung erschienen. In einem Satz: Was erwartet die Lesenden?

Chloé Savoie-Bernard: Dieses Buch widmet sich sowohl Frauenfiguren, vielschichtigen, komplexen, widersprüchlichen Figuren, als auch einer Sprache, die gleichermaßen vielschichtig, komplex und widersprüchlich sein sollte. Ich wollte Frauen zeigen, die weder Heldinnen noch Opfer sind, aber ein bisschen von beidem zur gleichen Zeit.

Andrea Krotthammer: Authentische Geschichten von Frauen, in denen die Lesenden sich wiederfinden werden und über die wir leider viel zu wenig erfahren, weil sie als ›schmutzig‹, nicht öffentlichkeitstauglich oder gar bedrohlich abgestempelt werden. Und das alles verpackt in einer einzigartigen bildgewaltigen Sprache, die unter die Haut geht.

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Der Originaltitel verweist auf Molières Les Femmes savantes. Wie würden Sie die gelehrten Frauen Ihres Buches heute beschreiben?

C. S.-B.: Es sind gebildete Frauen, die klug sind und viele Dinge wissen, aber manchmal trotz dieses Wissens, das sie über das Leben haben, Fehler machen. Ich wollte herausfinden, weshalb wir uns in die Höhle des Löwen begeben, obwohl wir die Gefahr schon im Voraus kennen. Was treibt uns als junge moderne Frauen dazu, unserem Unglück entgegenzulaufen, sei es in unseren Liebes-, Freundschafts- oder Familienbeziehungen? Wie schafft man es, sich von der Gewalt der Welt und der Geschlechterverhältnisse nicht unterkriegen zu lassen?

Ihre Figuren versuchen oft, den Regeln des Frauseins zu entsprechen – und scheitern zugleich produktiv daran. Woher kommt Ihr Interesse an diesen Momenten des Aus-dem-Gleichgewicht-Geratens?

C. S.-B.: Wir erzählen uns häufig Geschichten über uns selbst, über das, was wir wollen, was wir sind, aber unsere Verhaltensweisen und die Realität entsprechen diesen Vorstellungen oft nicht. Ich denke gerne über diese Momente des Scheiterns nach, weil sie die Künstlichkeit dieser Selbstkonstruktionen zeigen. Aus dem Zusammenbruch der Lügen, die man sich erzählt, um der Realität und den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen, entsteht in meinen Augen ein authentischeres Ich. Ein Ich, das nicht makellos ist, aber voller Ecken und Kanten, Mängel und Wahrheit.

Im Vorwort wird Montreal als »heimliche fünfzehnte Figur« des Bandes bezeichnet. Was kann diese Stadt literarisch erzählen, das anderswo nicht möglich wäre?

C. S.-B.: Montreal ist die größte frankophone Stadt in Nordamerika. Es leben dort viele Menschen aus den verschiedensten Diasporagemeinschaften – ich zum Beispiel habe haitianische Wurzeln. Selbst die Sprache, die man in Montreal spricht, ist einzigartig. Sie besteht aus Lehnwörtern aus dem Englischen und anderen Sprachen. Diese Art zu sprechen, die sich sehr von Frankreich unterscheidet, inspiriert mich. Wie die Figuren im Buch ist Montreal komplex und widersprüchlich, aber auch farbenfroh und sexy.

In Ihren Texten wechseln nicht nur die Sprachen, sondern auch Register, Milieus und Formen des Dazugehörens. Was interessiert Sie an diesen Übergängen – und was erzählen sie über Ihre Figuren?

C. S.-B.: Ich schreibe selbst oft unterwegs, und das schon seit langem, da ich in den letzten Jahren viel Zeit in verschiedenen kanadischen Städten verbracht habe. Es ist schon seltsam, aber ich habe den Eindruck, dass ich am konzentriertesten bin, wenn ich im Bus oder Zug bin oder auf ein Flugzeug warte … Ich mag diese Momente auf der Reise, denn mir kommt es so vor, als befände man sich ein wenig im Schwebezustand zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Version von sich selbst. Die Identität schwebt in einer Zeitlichkeit, die aus verschiedenen Schichten besteht.

Im Vorwort beschreiben Sie die Arbeit an diesem Buch als Emanzipationsprozess. Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Ich darf mir diese Stimme als Übersetzerin nehmen?

A. K.: Ich komme aus einer Familie mit ›kleinen Leuten‹, in der nicht viel gesprochen wird, was nicht an mangelnder Liebe liegt, sondern daran, dass ihnen nie gesagt wurde, dass ihre Stimme wert wäre, gehört zu werden. Die »Schwierigkeit, ich zu sagen«, wie es Christa Wolf – natürlich unter einem ganz anderen Vorzeichen – formulierte, kenne ich sehr gut. Als ich auf Chloé Savoie-Bernards Text stieß, nahm er mich mit seiner poetischen und feministischen Wucht vollkommen ein. Ich wollte das deutschsprachige Publikum daran teilhaben lassen und dachte mir: Wenn es sonst niemand macht, dann versuche ich es. Gleichzeitig möchte ich mich immer mehr von dem Glaubenssatz lösen, der gerade uns Frauen umgibt: von Vornherein zu wenig zu sein. Es ist ein Glaubenssatz, der uns zum Schweigen bringt und Männern den Vortritt lässt. Ich wollte mich einmal wie ein Mann verhalten: Mich nicht ständig in Zweifel ziehen und einfach meinem Impuls folgen.

Sie nennen Übersetzen einen Kompromiss. Können Sie das näher beschreiben?

A. K.: Ich sehe mich noch nicht als professionelle Übersetzerin. Ich habe die Initiative ergriffen, diesen Text zu übersetzen, ohne translatorische Arbeiten außerhalb meines Studiums vorweisen zu können. Expert:innen vom Fach werden einen anderen Zugang zum Übersetzungsprozess haben als ich. Für mich ist das Übersetzen ein stetes Navigieren zwischen zwei Sprachen, zwei Stimmen, zwei Kulturen. Ich habe das Bild eines Fährmanns vor Augen, der den Fluss überquert und versucht, das, was sich an einem Ufer befindet, möglichst ›unbeschadet‹ ans andere Ufer zu bringen. Ich denke nicht, dass das je zur Gänze gelingen kann. Bedeutungen gehen verloren, die Poesie, die auf der einen Flussseite in vollem Glanz erstrahlte, erscheint ein wenig fahler auf der anderen. Ich glaube nicht an perfekte Übersetzungen, Ich glaube an Versuche, an Kompromisslösungen.

Mehrere Figuren stehen in einem intensiven Verhältnis zu Literatur, Popkultur und weiblichen Vorbildern bis hin zur Selbstüberforderung daran. Welche Autorinnen oder Künstlerinnen begleiten Ihr eigenes Schreiben?

C. S.-B.: Ich habe mich im Studium, im Master wie im Doktorat, mit der Literatur von Quebecer Frauen beschäftigt. Schriftstellerinnen wie Nicole Brossard, Carole David und Marie Uguay haben mich dabei besonders geprägt. Heute sind Autorinnen wie Stéphane Martelly, Marie-Célie Agnant und Olivia Tapiero durch ihre hohe intellektuelle und literarische Genauigkeit wegweisend für meine Arbeit. Die visuellen Künste haben mich schon immer sehr interessiert, ihre Sprache inspiriert mein Schreiben. Ich mag den Gedanken, dass ein Text auch eine Skulptur ist.

Zum Schluss: Ihre Figuren suchen immer wieder nach einer Sprache für Erfahrungen, die gesellschaftlich oft unsichtbar bleiben. Was wünschen Sie sich, dass deutschsprachige Leser aus diesen Erzählungen mitnehmen?

C. S.-B.: Ich würde mir wünschen, dass sie daraus mitnehmen, dass die eigene Identität nicht abgeschlossen ist, sondern in Bewegung, auf Reisen, dass sie sich neu konfiguriert, im Werden ist. Dass das Frausein durchzogen ist von Zweifeln, Schönheit und Größe. Und dass man immer, wenn Lücken entstehen, nach Worten suchen soll, um sich auszudrücken und dem Schweigen entgegenzuwirken, das die Welt den Frauen aufzwingen will.

A.K.: Dass sie etwas von dem Mut und der Stärke der Frauen für sich selbst mitnehmen können. Wenn ich den Text lese, bleibt bei mir das Bild von Menschen, die trotz allen Widernissen stolz und mit erhobenem Haupt durchs Leben geben und, wie es der Titel schon sagt, »im Licht baden« – oder es zumindest versuchen. Das ist (feministische) Literatur im besten Sinn – sie sieht uns, sie solidarisiert sich mit uns, sie ermutigt uns.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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